Verkehrsberuhigung Volksdorf

Wie soll Volksdorf künftig aussehen?

Volksdorfs Ortskern soll sich verändern: Was aus der Flaniermeile werden könnte

Wie soll Volksdorfs Ortskern künftig aussehen? Mehr Aufenthaltsqualität, mehr Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer, weniger Verkehr und gleichzeitig möglichst gute Bedingungen für Geschäfte und Anwohner. Die Vorstellungen darüber gehen in Volksdorf auseinander. Das hat bereits die achtwöchige „Flaniermeile“ deutlich gezeig

Volksdorf, Ohlendorff’sche Villa 21.08.2026 – Am Freitagabend ging es nun um die nächste Etappe: Das Bezirksamt Wandsbek stellte den aktuellen Stand der Überlegungen vor. Vertreten war die Verwaltung durch Heike Wiemer, Leiterin des Fachamts Management des öffentlichen Raumes im Bezirksamt Wandsbek. Auch die Wandsbek-Koalition aus SPD, Grünen und FDP war vor Ort: Hannah Schneehage, Uwe Halpap und Finn Ole Ritter begleiteten die Veranstaltung. Bewusst zu einem frühen Zeitpunkt. Denn noch ist nichts gebaut, vieles kann sich verändern. Die Botschaft an die Volksdorfer war entsprechend: Wer später nicht nur über die fertige Lösung diskutieren möchte, sollte sich jetzt beteiligen.

Von der Flaniermeile zur dauerhaften Lösung

Die Überlegungen reichen allerdings deutlich weiter zurück. Bereits 2020 gab es Befragungen, eine Verkehrszählung und Gespräche mit Passanten. Über die digitale Beteiligungsplattform DIPAS konnten Volksdorfer anschließend konkrete Hinweise und Wünsche für den Ortskern einbringen. Die Ergebnisse flossen schließlich in die achtwöchige Flaniermeile ein.

Im Rahmen des Versuchs wurden unter anderem Blumen, Hochbeete und eine kleine Spielecke aufgestellt. Nach dessen Ende wurde erneut nach der Meinung der Bürger gefragt. Das Ergebnis fiel, wenig überraschend, keineswegs einheitlich aus.

Knapp 60 Prozent der befragten Volksdorfer bewerteten die Aufenthaltsqualität während der Flaniermeile mit den Schulnoten 1 bis 3. Positiv genannt wurden vor allem die zusätzlichen Sitz- und Aufenthaltsmöglichkeiten, mehr Grün, weniger Verkehr und eine insgesamt angenehmere Atmosphäre. Auch die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern spielte eine wichtige Rolle.

Auf der anderen Seite standen deutliche Kritikpunkte. Ganz oben: der Wegfall von Parkplätzen. Bemängelt wurden außerdem weiterhin zu viel Verkehr, mögliche Nachteile für die wirtschaftliche Entwicklung sowie Probleme für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Auch die Barrierefreiheit des Ortskerns wurde als unzureichend beschrieben.

Warum hat das so lange gedauert?

Eine Frage, die bei der Veranstaltung nahelag: Warum liegen zwischen den ersten Untersuchungen und einer möglichen Umsetzung inzwischen mehrere Jahre?
Die Antwort des Bezirksamts: Es liegt unter anderem an den festen Planungs- und Haushaltsfristen. Bestimmte Schritte können nur zu bestimmten Zeitpunkten im Jahr erfolgen. Werden diese Fristen verpasst, kann sich ein Vorhaben entsprechend verlängern. Besonders relevant ist dabei die Haushaltsplanung: Für den Doppelhaushalt 2029/30 muss die entsprechende Haushaltsunterlage bereits im Januar 2028 vorliegen. Wird dieser Termin verpasst, wäre der nächste mögliche Haushaltszeitraum erst zwei Jahre später.

Weniger Parkplätze als Schlüssel für mehr Platz

Aus den unterschiedlichen Rückmeldungen hat das Bezirksamt nun eine erste Variante entwickelt. Sie setzt auf einen sogenannten „verkehrsberuhigten Geschäftsbereich“. Hinter dem sperrigen Begriff aus der Straßenverkehrsordnung steckt ein relativ einfaches Prinzip: Im Ortskern soll künftig Tempo 20 gelten. Gleichzeitig ist eine eingeschränkte Halteverbotszone vorgesehen.
Der Straßenraum soll außerdem stärker von allen Verkehrsteilnehmern gemeinsam genutzt werden. Klassische, deutlich voneinander getrennte Bereiche für Autos, Fahrräder und Fußgänger sollen teilweise aufgelöst werden. Abgesenkte oder fehlende Bordsteine und eine entsprechende Gestaltung sollen dafür sorgen, dass Autofahrer automatisch langsamer fahren.

Warum keine reine Fahrradstraße?

Auch diese Frage stand im Raum. Die Antwort des Bezirksamts lässt sich vor allem als Kompromiss verstehen: Der künftige Ortskern soll nicht einseitig für eine Verkehrsart gestaltet werden. Stattdessen sollen Fahrrad, Auto und Fußverkehr miteinander kombiniert werden.
Das bedeutet: Radfahrer werden nicht aus dem Straßenraum herausgenommen, sondern sollen sich die Verkehrsfläche mit den anderen Verkehrsteilnehmern teilen. Gleichzeitig soll die bauliche Gestaltung dafür sorgen, dass der Autoverkehr langsamer und vorsichtiger unterwegs ist.
Als Beispiele zeigte das Bezirksamt unter anderem Bereiche in Bergedorf und den bereits umgestalteten Frahmredder. Dort habe sich gezeigt, dass die Gestaltung des Straßenraums das Fahrverhalten tatsächlich beeinflussen könne.

Tempo 20 ist mehr als ein neues Verkehrsschild

Tempo 20 bedeutet dabei nicht einfach, ein paar Verkehrsschilder auszutauschen. Damit die neue Verkehrsregelung funktioniert, muss auch der Straßenraum entsprechend umgestaltet werden.
Geplant sind unter anderem abgesenkte Bordkanten und eine Gestaltung, die die verschiedenen Verkehrsarten stärker miteinander verbindet. Dafür muss die Straße teilweise grundlegend neu ausgebaut werden. Das betrifft nicht nur die sichtbare Oberfläche: Bei einem solchen Umbau müssen auch Leitungen und Infrastruktur im Untergrund berücksichtigt werden, etwa Kabel oder Glasfaserleitungen.

Damit wird deutlich, warum es sich bei dem Vorhaben nicht um eine kurzfristige Maßnahme handelt, sondern um ein echtes Straßenbauprojekt.

Mehr Aufenthaltsqualität - aber womit?

Ein zentraler Wunsch hinter der Umgestaltung ist, dass Menschen länger und lieber im Ortskern bleiben. Doch wie genau soll diese höhere Aufenthaltsqualität entstehen?
Das soll erst im nächsten Planungsschritt konkreter ausgearbeitet werden. Die jetzt vorgestellte Variante ist zunächst vor allem ein verkehrsplanerischer Entwurf. Wo später Sitzgelegenheiten, Begrünung oder andere Elemente für Aufenthalt und Begegnung entstehen können, soll im weiteren Planungsprozess genauer festgelegt werden.
Die grundsätzliche Annahme des Bezirksamts: Wo der Verkehr ruhiger und sicherer ist, halten sich Menschen eher auf. Die Aufenthaltsqualität eines Ortskerns hängt demnach nicht allein davon ab, was dort aufgestellt wird, sondern auch davon, wie stark der Straßenraum vom Verkehr dominiert wird.

24 Parkplätze weniger - auf den ersten Blick

Der wohl emotionalste Punkt der vorgestellten Planung dürfte auch diesmal die Parkplatzbilanz sein.
Im betrachteten Bereich gibt es derzeit 67 öffentliche Parkstände. Nach der aktuellen Planung würden davon 43 erhalten bleiben. Das entspricht einem Rückgang um rund 36 Prozent.

Das Bezirksamt stellt diese Zahl allerdings in einen größeren Zusammenhang: In einem Radius von 500 Metern rund um den Ortskern gibt es nach den vorgestellten Zahlen insgesamt 1.331 Parkstände. Künftig wären es dort 1.317. Das entspricht einem Rückgang von rund 1,05 Prozent.

Die frei werdenden Flächen sollen nicht einfach verschwinden. Sie schaffen Raum für breitere Gehbereiche, Bäume, Sitzmöglichkeiten, Ladezonen und barrierefreie Stellplätze. Gerade an den heute besonders engen Stellen zwischen Geschäften und Fahrbahn soll sich die Situation für Fußgänger verbessern.

Mehr Raum vor den Geschäften

Ein Beispiel dafür ist der Bereich rund um Buchhandlung und Bekleidungsgeschäft. Dort ist der Gehweg heute ausgesprochen schmal. Gleichzeitig ragen abgestellte Fahrzeuge teilweise bis an die Bordkante und Aufsteller der Geschäfte zusätzlich in den ohnehin knappen Raum.

Nach der vorgestellten Idee könnten dort künftig Längsparkstände statt der heutigen Schrägparkstände entstehen. Dadurch würde der Gehweg mehr Raum bekommen. An anderen, breiteren Stellen sollen weiterhin Schrägparkstände möglich sein.

Auch Bäume und Parkstände sollen stärker miteinander kombiniert werden. So könnten an verschiedenen Stellen kleine Aufweitungen entstehen, während gleichzeitig eine ausreichend breite Fahrbahn erhalten bleibt. Vorgesehen sind außerdem Ladezonen, barrierefreie Parkplätze und Stellplätze mit E-Lademöglichkeit.

Was passiert als Nächstes?

Der nächste wichtige Termin steht bereits unmittelbar bevor: In der kommenden Woche soll die vorgestellte Variante auf der Tagesordnung des Mobilitätsausschusses stehen. Dort wird darüber beraten und abgestimmt, ob die Planung weitergeführt werden soll.
Bei einem positiven Votum soll ein Ingenieurbüro mit der weiteren Planung beauftragt werden. Danach folgen mehrere formelle Planungsschritte, unter anderem Abstimmungen mit der Polizei, eine erste sogenannte Verschickung der Planung, weitere Überarbeitungen und schließlich eine Schlussverschickung.

Baubeginn frühestens 2029

Für Ungeduldige hatte die Veranstaltung deshalb eine eher ernüchternde Nachricht: Selbst wenn die nächsten Schritte wie geplant laufen, wird sich der Ortskern nicht kurzfristig verändern.

Das Bezirksamt peilt zunächst die Vergabe der Planungsleistung im Herbst an. Nach den weiteren Planungsschritten soll die notwendige Haushaltsunterlage rechtzeitig eingereicht werden. Wenn auch die politischen und finanziellen Entscheidungen wie vorgesehen getroffen werden, könnte die Ausschreibung der Bauleistung erfolgen und ein Baubeginn im Frühjahr 2029 möglich sein.
Bis dahin bleibt also Zeit und genau das ist ein wesentlicher Punkt des aktuellen Planungsstands. Die gestern vorgestellte Variante ist ein Vorschlag, keine fertige Lösung.

Und was ist mit den Einzelhändlern?

Eine der größten Sorgen betrifft die geplante Bauphase. Für die ansässigen Einzelhändler könnte eine rund einjährige Baustelle im Ortskern zur existenziellen Belastung werden. Weniger Parkplätze, erschwerte Erreichbarkeit und möglicherweise ausbleibende Laufkundschaft könnten gerade kleinere Geschäfte vor erhebliche wirtschaftliche Probleme stellen.
Konkrete Lösungen oder Hilfsmaßnahmen gibt es derzeit noch nicht. Das Thema soll jedoch politisch weitergetragen werden. Hannah Schneehage machte im Gespräch deutlich, dass sie selbst nicht für den Wirtschaftsbereich zuständig sei, die Sorgen der Händler aber entsprechend „mitnehmen“ wolle. Damit könnte die Frage nach möglichen Unterstützungen im weiteren Verlauf der Planung noch an Bedeutung gewinnen. Denn für viele Einzelhändler dürfte die Zustimmung zu einem solchen Großprojekt auch davon abhängen, ob es für die schwierige Übergangsphase eine Perspektive gibt.

Jetzt mitreden statt später nur kritisieren

Der Volksdorfer Ortskern wird sich verändern, die grundsätzliche Richtung scheint dabei klar: weniger dominanter Autoverkehr, mehr Sicherheit und mehr Raum für Menschen. Wie genau dieser Raum künftig aussieht, ist dagegen noch offen.
Die Diskussion dürfte deshalb weitergehen. Und vermutlich wird sie, wie schon bei der Flaniermeile, nicht ohne unterschiedliche Meinungen auskommen. Genau deshalb wurde die Öffentlichkeit bereits in dieser frühen Phase eingeladen: Damit Anregungen und Kritik noch in die Planung einfließen können, bevor aus einer ersten Skizze irgendwann eine konkrete Straße wird.

Kontaktmöglichkeiten

SPD
Bezirksfraktion Wandsbek
040 / 68 26 77 85
presse@spdfraktion-wandsbek.de
www.spdfraktion-wandsbek.de

BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN
Bezirksfraktion Wandsbek
040 / 20 69 15
presse@gruene-wandsbek.de
www.gruene-wandsbek.de

FDP
Bezirksfraktion Wandsbek
040 / 87 93 59 44
presse@fdp-fraktion-wandsbek.de
www.fpd-fraktion-wandsbek.de

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